Wie alles anfing

Man schreibt das Jahr 2019. Bei 30° im Schatten sitzen wir auf dem Balkon schwitzend unter der prallen Sonne. Nachdem ich etwas Ähnliches mal in einem Café getrunken habe, habe ich angefangen, mir zuhause selbst Kaffeelimonade zu machen: kalter Filterkaffee, Holunderblütensirup und Zitrone – mit ein paar Eiswürfeln versehen, das perfekte Erfrischungsgetränk. Um die Hitze erträglicher zu machen, misch ich uns eine an. Niko ist begeistert! „Geil, das schmeckt echt super, Chris du bist der Beste!“ (oder so ähnlich ;))

Wie der nächste Teil zustande kommt, weiß ich nicht mehr so genau. Niko überlegt, ob man das auch in Flaschen abfüllen kann, ich sag: ‚ja klar‘. Und schon verbringen wir den restlichen Abend bei einigen Biers, darüber zu reden, wie man das Ganze hinbekommen könnte. Wir haben keinen blassen Schimmer, was noch alles kommen sollte.

 

Die verdammte Kohlensäure

Der Weg wird holprig. Zunächst mischen wir Zutaten aus dem Supermarkt und versuchen uns auf einen Geschmack festzulegen. Alles wird ausprobiert. Kirschsaft? Besser nicht. Minze? Ganz okay. Mehr Zitrone oder doch weniger? Und fertig ist das erste Rezept.

Was nun kommen sollte, war nicht mehr so einfach: Der Feind heißt Kohlensäure. Uns ist klar, dass für den maximalen Erfrischungseffekt die Kohlensäure ein Muss ist. Also wählen wir die erstbeste (aber definitiv eine der schlechtesten) Optionen: Der SodaStream meiner Mitbewohnerin. Wer hätte auch gedacht, dass Kaffee so schäumt, als sei eine halbe Flasche Spülmittel darin versenkt!

Der inzwischen mit Kohlensäure versetzte Kaffee spritzt aus allen Schlitzen. Überall ist Kaffee: an der Wand, auf dem Boden und auf unserer Kleidung. Damals ahnen wir es noch nicht, aber: schlimmer geht immer!

Zwangskarbonisierung und die Hobbybrauer

Nach einiger Recherche stoße ich auf das Wort „Zwangskarbonisierung“. Dieses beschreibt den Prozess, in dem man die Kohlensäure mit sehr hohem Druck in die Flüssigkeit drückt. Das Ganze finde ich auf einem Forum für Hobbybrauer. Diese Hobbybrauer haben eine große Überschneidung mit dem was wir vorhaben. Ein paar Recherchen später bin ich theoretischer Hobbybrauexperte. Mit dieser neuen Expertise machen wir unsere erste größere Investition: Eine große Flasche Kohlensäure und Schläuche.

 

Schutzbrille auf, es explodiert!

Stahlfässer sind uns zu teuer, also holen wir ein 30 Liter-Fass aus Kunststoff. Kurzerhand alle Zutaten zusammengemischt und mit einer selbst gebauten Spezial-Konstruktion den Schlauch angeschlossen. Zum Karbonisieren den Gashahn aufdrehen und lauschen, wie die Kohlensäure langsam ins Fass fließt. PENG! Der Deckel fliegt 30cm in die Luft, der Boden vibriert, das Fass mit dem größten Teil des Inhaltes ist zum Glück noch heile. Wir kaufen dann wohl doch mal ein Stahlfass…

Erste Erfolge

Eine ganze Weile später starten wir die erste ‚erfolgreiche‘ Handabfüllung. Eine Konstruktion aus Schläuchen, Abfüller und Gasflaschen steht in meiner WG-Küche. Aufgrund des hohen Drucks spritzt die Limo ab und an aus der Flasche, und markiert mit ihrem klebrigen Zucker die Wände und Boden. Zur Freude meiner Mitbewohner. Aber hey! Der erste Kasten ist geschafft, zu der Zeit  noch mit blauem Drehverschluss.

 

Laaangsamer Fortschritt

Nach und nach füllen wir Kästen, jedes Mal dauert es einen ganzen Tag um drei Kästen voll zu machen – ohne Ausblick auf Besserung. Wir haben keine Abfüllmaschine und machen alles von Hand. Selbst das Kaffeebrühen mit zwei Wasserkochern gleichzeitig. Warum? Weil wir den Gedanken lieben, etwas Eigenes zu schaffen – die Vorstellung wie Freunde durch unsere Limo den Kick kriegen, den sie brauchen, um die nächsten 5h durch zulernen; die Vorstellung mit unserer Limo den Sommer zu genießen. Und so startet langsam das kleine „Vertriebsnetzwerk“ unter Freunden. „Hey Chris, bringst du mir morgen ‘ne KaLi. mit in die Bib?“ – „Klar!“

Doch nach und nach stellen wir fest: Um der Nachfrage irgendwie nach zu kommen, müssen wir grundlegend unser Denken ändern.

 

Professionell abfüllen?

Nach über einem halben Jahr im Minivertrieb kommen wir zu dem Schluss, dass wir mit unserer Handabfüllung nicht mehr weiterkommen. Aufgeben? Oder double down. Wir entscheiden uns, das Kartenhaus weiter zu bauen und versuchen von nun an, eine professionelle Abfüllung zu realisieren. Was ist das Wichtigste, um professionell zu wirken? Richtig: eine Website mit eigenen E-Mail-Adressen. Und so programmieren wir selbst (ja so richtig selbst mit html und css) unsere erste eigene Website.

Da wir bei großen Mengen den Kaffee nicht mehr mit dem Wasserkocher von Hand aufbrühen können, brauchen wir neue Zutaten. Willkommen in einer Welt, in der wir – mal wieder – absolut keine Ahnung haben.

 

Viel Zeit vergeht

Um den Schmerz in Grenzen zu halten, hier die Kurzfassung: Wir arbeiten mit einem Unternehmen zusammen, das uns die alte KaLi. mit unverarbeiteten Zutaten zusammen mischt. Solche, die massentauglich sind. Spoiler: es funktioniert nicht. Die Proben schmecken okay, aber nicht so, wie wir es wollen. Vor allem Kaffee aus Aromen und Extrakten schmeckt schrecklich. Hätten wir eine normale Zitronenlimonade rausbringen wollen, wären wir nach einer Woche fertig gewesen. So dauerte es mehrere Monate und viele Mischversuche. Dann das enttäuschende Telefonat: ‚Wir sind mit unserem Latein am Ende‘, heißt es vom Vertriebsleiter am anderen Ende der Leitung. Sind wir zu anspruchsvoll? Wird es jemals funktionieren? Inzwischen stehen bei unserem Abfüller in Bayern 5000 leere Flaschen, die wir gekauft haben. Die Nerven liegen blank. Es hat noch weitere Monate gedauert, bis wir nach langer Suche den richtigen Kaffee für unsere Limo gefunden haben.

 

Der durchbruch

Irgendwann entdeckten wir den richtigen Kaffee für uns: Leckerer, zertifizierter Cold Brew Kaffee aus Äthiopien. Mit Pipetten und Feinwaage sitzen wir am Küchentisch und mischen das Rezept – dieses Mal komplett selbst. Und sieh da, es schmeckt!

Und dann geht alles relativ schnell. Wir bestellen die Zutaten, designen Etiketten, legen den Abfülltermin fest und organisieren mit voller Vorfreude den besonderen Tag. Einen letzten Adrenalin-kick bekommen wir als wir am Abend davor erfahren, dass die Kaffeelieferung immer noch nicht eingetroffen ist. Um 23:30 kommt der rettende Anruf: „Kaffee ist eingetroffen, alles ist bereit.“

Wir fahren zu Johannes auf einen kleinen bayrischen Hof, wo Wollschweine und Esel auf der Wiese stehen. Wir werden herzlich empfangen und probieren noch eben ein paar Weinschorlen, die vor uns auf der Maschine abgefüllt werden. Die KaLi. wird gestartet und es ist faszinierend und völlig surreal nach all dem Prozedere die eigene Limo vom Band laufen zu sehen. Dieses Gefühl hält die kompletten vier Stunden an. Überglücklich und ein wenig erschöpft fahren wir nach Hause und merken dabei vom vielen Probieren die Überdosis an Koffein.Anscheinend ist es doch ein bisschen viel 10 KaLi´s innerhalb weniger Stunden zu trinken.